Eine Kerze anzünden
Entzünden Sie eine Kerze für den Verstorbenen und schreiben Sie wenn gewünscht Ihre ganz persönlichen Abschiedsworte.
Liebe Oma,
89 Jahre.
Du wolltest so unbedingt noch die 90 erreichen. Das warst einfach du. Ein Steinbock durch und durch. Wenn du dir etwas vorgenommen hattest, dann hast du dafür gekämpft. Du warst diszipliniert, ehrgeizig, ausdauernd und pflichtbewusst. Du hast gearbeitet, angepackt und niemals schnell aufgegeben. Und vielleicht hätten wir alle wissen müssen, dass selbst der Tod es bei dir nicht leicht haben würde, dich von deinem Vorhaben abzubringen. Du wolltest 90 werden.
Leider dürfen wir diesen Geburtstag nicht mehr gemeinsam feiern. Aber wenn wir heute auf dein Leben zurückblicken, dann sehen wir nicht die eine Zahl, die dir noch gefehlt hat. Wir sehen 89 Jahre voller Leben. Voller Liebe. Voller Familie. Voller Geschichten. Und wir sehen vor allem eines:
Dich.
Unsere Christina.
Eigentlich hießt du Christine. Aber das war dir nicht genug. Du wolltest Christina heißen – und hast das auch so durchgesetzt. Auch darin steckte schon so viel von dir. Du wusstest, was du wolltest. Du konntest stur sein. Eigensinnig. Manchmal vielleicht sogar ein kleines bisschen schwierig. Aber genau das gehörte zu dir. Und wir würden heute wahrscheinlich sogar darum kämpfen, noch einmal mit dir über irgendeine dieser kleinen Sturheiten diskutieren zu dürfen.
Denn hinter all dem war ein Mensch, der eine unglaubliche Stärke hatte. Du warst ein Kriegskind. Du hast früh gelernt, was es bedeutet, anzupacken, durchzuhalten und mit dem zufrieden zu sein, was das Leben einem gibt. Du warst bodenständig. Ehrlich. Geradlinig. Oberflächlichkeit, Tratsch, Faulheit und Unehrlichkeit waren dir zuwider. Wenn dir etwas nicht gepasst hat, dann wusste man das. Und wenn es richtig Ärger gab, dann hieß es: „Gleich gibt’s ein riesen Donnerwetter.“
Und wahrscheinlich wussten wir alle ganz genau, was dann gemeint war. Aber genauso schnell, wie dein Donnerwetter kommen konnte, konnte dein schelmisches Grinsen alles wieder auflösen. Dieses Grinsen. Das hattest du von deinem Vater. Und ich glaube, jeder von uns, der es einmal gesehen hat, wird es für immer vor Augen haben. Du warst ein Mensch, der nicht unbedingt viele große Worte gebraucht hat, um seine Liebe zu zeigen. Du hast Liebe getan. Du warst da. Du hast gekocht. Du hast zugehört. Du hast dich gekümmert. Du hast angerufen. Du hast aufgepasst. Du hast beschützt. Du hast uns in den Arm genommen. Und manchmal war genau das deine Art zu sagen: „Ich liebe dich.“ Deine Familie war für dich immer das Wichtigste. Du warst ihre Hüterin. Wie ein Schäfer, der seine Schäfchen immer im Blick behält und darauf achtet, dass keines verloren geht. Du hast uns zusammengehalten. An Geburtstagen. An Weihnachten. An Sonntagen. Bei gemeinsamen Essen. In guten Zeiten. In schwierigen Zeiten. Und auch einfach im ganz normalen Alltag. Deine Familie war kein Termin in deinem Kalender. Sie war dein Leben. Du warst immer für alle da.
Du hast uns als Kinder zum Singen gebracht, mit uns gebastelt, bist mit uns spazieren gegangen und hast mit uns Wanderungen gemacht. Du hast Geschichten und Märchen vorgelesen. Du hast uns in den Schlaf gesungen. Und du konntest wirklich verdammt gut singen. Im Kinderzimmer liefen die Schallplatten rauf und runter. Und heute sind es genau diese kleinen Dinge, die plötzlich so groß werden. Die Dinge, die damals selbstverständlich waren.
Mittwochs zum Beispiel. Mittwoch war mein Oma-Tag. Wir haben zusammen gekocht und gegessen. Und wenn ich heute an dein Essen denke, dann denke ich natürlich an deine Apfelränzchen mit Gemüsesuppe. Und an deine Soßen. Bei Gott was waren die gut! Oma, es ist wirklich ein Jammer, dass wir nie wieder in den Genuss deines Essens kommen werde.
Aber vielleicht ist genau das das Schöne an Erinnerungen: Man kann einen Menschen verlieren. Aber nicht das, was er in einem hinterlassen hat. Ich werde mich an unsere Spaziergänge in der Fasanerie oder Schweinheim erinnern. An die Nordsee. An unsere Gespräche. An unsere gemeinsamen Mittage. An deine Geschichten. An dein Lachen. An dein Grinsen. An deine guten Ratschläge. Und vor allem an deine Stimme, die mich als Kind in den Schlaf gesungen hat. Ich werde mich daran erinnern, wie du mich begrüßt hast: „Hallo mein Schatz." oder an mein "Hi Oma, hier ist die Johanna." Und ich glaube, egal wie alt ich werde – wenn ich dieses Wort höre, wird ein Teil von mir immer deine Stimme darin hören. Du warst für mich nicht einfach meine Oma. Du warst einer meiner Lieblingsmenschen. Du warst meine Vertraute. Meine Ratgeberin. Meine Unterstützerin. Und irgendwie auch meine beste Freundin. Du hast mir immer das Gefühl gegeben, dass ich alles schaffen kann, wenn ich nur wirklich daran glaube und bereit bin, dafür zu arbeiten. Du hast mich ermutigt, meinen eigenen Weg zu gehen. Meine Ideen und Träume zu verfolgen. Und sogar meinen Weg in die Politik zu gehen. Du hast mich geprägt. Mehr, als ich wahrscheinlich jemals in Worte fassen kann. Viele Dinge, die heute ein Teil von mir sind, tragen ein kleines Stück von dir in sich.
Deine Werte.
Deine Geradlinigkeit.
Deine Beharrlichkeit.
Deine Liebe zur Familie.
Deinen Blick auf das Leben.
Und vielleicht auch ein kleines bisschen deine Sturheit.
Ich habe noch so viele Fragen. So viele Dinge, die ich dich gerne noch gefragt hätte. So viele Geschichten, die ich noch gerne von dir gehört hätte. So viele Dinge, die ich dir noch erzählen wollte. Und so viele Dinge, die wir noch gemeinsam erleben wollten. Du wolltest noch so viel. Du wolltest noch 90 werden. Du wolltest unbedingt noch Uroma werden. Das war unser kleines Ritual. Ich habe immer gesagt: „Du darfst erst zum heiligen Herrgott gehen, wenn du Uroma bist.“ Und du hast daran festgehalten bis zum Schluss. Leider ist dir dieser Wunsch nicht mehr vergönnt gewesen. Und das tut besonders weh. Ich hätte dir diesen Wunsch so gerne erfüllt. Aber vielleicht gibt es einen Gedanken, der mich ein kleines bisschen tröstet:
Vielleicht bist du jetzt bei all denen, die vor dir gehen mussten. Vielleicht bist du wieder bei deiner Schwester Elli oder bei deinen Eltern. Bei Opa, auch wenn ihr euch damals zur Scheidung nicht mehr leiden konntet. Du hast nach seinem Tot Größe bewiesen und seitdem auch wieder deinen Ehering getragen. Du warst so gütig und mutig. Vielleicht siehst du auch alle deine Freunde und Weggefährten wieder, die dich über dein langes Leben begleitet haben. Vielleicht gibt es dort keine Schmerzen mehr.
Keine Angst.
Keine Krankheit.
Kein Krankenhaus.
Kein Leiden.
Nur Frieden.
Die letzten Tage waren für uns alle unglaublich schwer. Seit dem 17. September waren wir so oft bei dir, wie es nur ging.
Wir haben mit dir gelitten.
Wir haben gehofft.
Wir haben gebangt.
Wir haben geweint.
Und wir sind in diesen fünf Tagen wahrscheinlich alle ein Stück durch die Hölle gegangen. Aber wir würden es jederzeit wieder tun. Für dich. Bedingungslos. Immer.
Denn genau das hast du uns dein ganzes Leben vorgelebt: Man lässt die Menschen, die man liebt, nicht allein. Und selbst als du schon so schwach warst, hast du uns noch Liebe zurückgegeben. Mit einem Blick. Mit einem kleinen Lächeln. Mit dem Streicheln unserer Hand.
Du hast selbst im Sterben noch gegeben. Das warst du. Du hast geliebt, bis zum Schluss. Und dann kamen deine letzten richtigen Worte zu uns:
„Seid lieb zueinander und schaut fröhlich in die Welt.“
Oma, ich glaube, du hättest keinen schöneren letzten Auftrag hinterlassen können.
Seid lieb zueinander.
Schaut fröhlich in die Welt.
Das klingt so sehr nach dir.
Du wolltest nie, dass wir uns in Oberflächlichkeiten verlieren. Du wolltest, dass wir füreinander da sind. Dass wir zusammenhalten. Dass wir das Leben anpacken. Dass wir nach vorne schauen. Und vielleicht ist genau das dein größtes Vermächtnis.
Du hast uns eine Familie hinterlassen, die zusammenhält.
Du hast uns Werte hinterlassen.
Du hast uns Erinnerungen hinterlassen.
Und vor allem hast du uns unendlich viel Liebe hinterlassen.
Wir sind unendlich traurig, dass du nicht mehr bei uns bist.
Aber wir sind auch unendlich dankbar, dass es dich gegeben hat.
Dankbar für jedes gemeinsame Weihnachten.
Für jeden Geburtstag.
Für jeden Spaziergang.
Für jeden Mittwoch.
Für jedes Essen.
Für jede Geschichte.
Für jedes Lied.
Für jedes „Mein Schatz“.
Für jedes Donnerwetter.
Für jedes schelmische Grinsen.
Und für jede noch so kleine Geste, mit der du uns gesagt hast:
„Ich bin da.“
Du wirst uns fehlen.
An Geburtstagen.
An Weihnachten.
Beim gemeinsamen Essen.
Bei unseren Spaziergängen.
Wenn irgendwo ein Lied läuft, das wir früher auf und ab gehört haben.
Wenn wir Apfelränzchen essen.
Wenn wir eine gute Soße probieren und wissen, dass sie niemals deine sein wird.
Und vor allem wirst du uns fehlen, wenn wir einen Rat brauchen und plötzlich merken:
Wir können Oma nicht mehr anrufen.
Aber ich glaube, genau dann werden wir dich trotzdem hören.
In unseren Gedanken.
In unseren Erinnerungen.
In all dem, was du uns beigebracht hast.
Und vielleicht werden wir dann an deine letzten Worte denken.
Wir werden lieb zueinander sein.
Und wir werden versuchen, fröhlich in die Welt zu schauen.
Nicht weil wir dich vergessen.
Sondern gerade, weil wir dich nicht vergessen.
Denn du hast uns gezeigt, wie man lebt.
Aber manchmal müssen wir Menschen loslassen, obwohl unser Herz das nicht will.
Wir lassen dich jetzt los.
Nicht weil wir dich vergessen.
Sondern weil wir dich lieben.
Und weil wir wissen, dass du keine Schmerzen und kein Leid mehr haben musst.
Deine Seele darf jetzt frei sein.
Und vielleicht darfst du dort, wo du jetzt bist, endlich deine Elli wiedersehen.
Und vielleicht wartet dort irgendwo auch schon der heilige Herrgott auf dich.
Aber eines möchte ich dir noch sagen:
Danke, Oma.
Danke für dein ganzes Leben.
Danke für deine Liebe.
Danke, dass du unsere Familie zusammengehalten hast.
Danke, dass du mich immer an mich selbst glauben lassen hast.
Danke für alles, was du mir beigebracht hast.
Danke für jedes Lied.
Jede Geschichte.
Jeden Rat.
Jedes Essen.
Jedes Lachen.
Jedes Donnerwetter.
Und danke für jedes „Mein Schatz“.
Ich liebe dich.
Und ich werde dich vermissen.
Für immer.
Mach’s gut, Oma.
Und keine Sorge:
Wir werden lieb zueinander sein.
Und wir werden versuchen, fröhlich in die Welt zu schauen.
So, wie du es uns aufgetragen hast.
Du darfst jetzt gehen.
Wir haben dich lieb.
Für immer.


